Zeitungsbericht vom 23.11.2015 - Rhein Zeitung

23.11.2015, Rhein-Zeitung

Cauer-Kunstwerke sind wieder ein Blickfang

Kirn. Das Grabfeld der Familie Andres wurde sorgsam restauriert - Steinmetz Barth: Auch den Hochwasserengel sichern

Trauer. Dieses Grabmal war von der Baumkrone bedeckt, blieb aber heil.
Trauer. Dieses Grabmal war von der Baumkrone bedeckt, blieb aber heil.

Auf der Ruhestätte der Kirner Familie Andres sieht es fast wieder so aus wie vor fast einem Dreivierteljahr. Damals war ein Dutzend historischer Grabstätten mit wertvollen Cauer-Büsten von einer umstürzenden Eiche teilweise zerschlagen worden. In wochenlanger Puzzlearbeit richteten die Steinmetze des Simmertaler Steinmetzbetriebs Barth die Grabmale wieder her, sammelten große und kleine Teile auf, klebten, dübelten, modellierten. Einige Vierungen und Passstücke werden neu angefertigt, alles zusammengesetzt. Ein Puzzle.

Puzzle. Abgebrochene Marmorfinger werden wieder zusammengefügt.
Puzzle. Abgebrochene Marmorfinger werden wieder zusammengefügt.
Foto: Armin Seibert

Manche großen Teile konnten nur mit Flaschenzügen in ihre Ursprungsposition gehievt werden. Bei einigen Grabmalen sieht man kaum etwas vom Sturmschaden, andere könnten nur aufwendig wiederhergestellt werden. Das betrifft vor allem die zerschlagene Schale, die auf dem Grab von Anna Andres steht. Sie war eine geborene Cauer. Ludwig Cauer hat ihr Grabmal gestaltet. Der Sockel der Schale konnte aus Dutzenden Teilen, die meterweit zerstreut lagen, zusammengesetzt werden. Viele weitere Bruchstücke wurden gesichert. Ob die Schale rekonstruiert werden kann, ist offen. Pläne oder Zeichnungen gibt es nicht. Vielleicht aber ähnliche Arbeiten der Cauers, die viele Werke hinterließen. Anna Andres heiratete in die Kirner Brauereidynastie ein. Damit war ein Grundstein dafür gelegt, dass die Dynastie, die in Bad Kreuznach oder auf Schloss Dhaun Werke für die Geschichtsbücher hinterlassen hat, in regelmäßigen Abständen für die Kirner Familie tätig war. Auf dem Grabfeld der Familie Simon gibt es ebenfalls Cauer-Werke.

Das schmiedeeiserne Geländer soll wieder installiert werden.
Das schmiedeeiserne Geländer soll wieder installiert werden.

Steinmetz und Bildhauermeister Jochen Barth ist angetan von der Vielfalt, der handwerklichen Sorgfalt und der künstlerischen Klasse der Cauer-Werke, die das Schaffen der Bildhauerfamilie über Generationen eindrucksvoll belegt. Herausragend auf dem Friedhof ist eine Marmorgruppe, die fast heil blieb, obwohl der Stein, in die sie eingepasst war, zerbrochen ist. Das Denkmal fiel weich, es brachen nur wenige Teile ab. Zum Beispiel Finger eines Kindes. Jochen Barth bedauert, dass man für solche Werke heutzutage weder Zeit noch Aufträge hat. Alles aus einem Stein herauszuhauen, das sei am Ende nicht unbedingt die Kunst, sagt er. Diese liege vielmehr in der Modulation des Gipsmodells. Von diesem würden die einzelnen Punkte punktiert, also mit einer Art Zirkel übertragen.

Blieb beim Sturz der Rieseneiche unbeschädigt: Cauer-Werk auf dem Grabfeld der Familie Simon.
Blieb beim Sturz der Rieseneiche unbeschädigt: Cauer-Werk auf dem Grabfeld der Familie Simon.

Ohne Mörtel eingepasst

Der Hochwasserengel müsste restauriert werden.
Der Hochwasserengel müsste restauriert werden.

Als der rund 200 Kilo schwere dreieckige Tympanon als Giebel auf dem mit Edelstahldübeln gesicherten Grabmal mit einem eigens aufgebauten Kettenzug aufgesetzt war, ging es darum, auch die Marmorgruppe wieder einzupassen. Barth und seine Mitarbeiter waren überrascht. Da gab es keinerlei Klebespuren. Der Stein war einst passgenau mörtellos eingefügt. Jetzt passt es wieder. Jetzt gilt es, die zertrampelten Gräber sorgsam zu säubern, Umfassungen herzurichten. Auch der schmiedeeiserne Zaun, der das Grabfeld umgibt, wird hergestellt, haben Fritz Andres und seine Familie beschlossen. Die Cauers auf dem Kirner Friedhof sind eine kulturgeschichtliche Rarität für Kirn.

Bis auf das benachbarte Grabfeld der Simons hatte die 27 Meter hohe Eiche im Sturz nicht mehr hingelangt. Auf Einzel- und Familiengräbern hatte es hingegen noch große Schäden gegeben. Gut 30 Meter entfernt vom Grabfeld der Familie Andres steht der sogenannte Hochwasserengel. Schon mehrfach war über eine Restauration diskutiert worden. Einer der Flügel ist abgeschlagen, liegt einfach so auf dem Sockel. Ein Arm fehlt. Der Engel wurde einst vom Platz vor dem Dröscherhaus auf den Friedhof gebracht. Er erinnert an die Rettung der Kirner Familie Schultheiß. 26 Menschen waren bei dem Hochwasser 1875 ums Leben gekommen. Auch dieses Werk des 1912 verstorbenen Fotografen und Bildhauers Friedrich Schery gehört zu den großen öffentlich zugänglichen Kunstwerken in der Stadt. Bildhauer Jochen Barth befürchtet, dass das Denkmal an seinem derzeitigen Standort dem Verfall preisgegeben ist.

Wenn es einmal regelmäßige Stadtführungen geben wird, dann sollte der kunsthistorisch wertvolle Teil des Kirner Friedhofs nicht fehlen. Ein Anfang ist, ausgelöst durch den Sturmschaden, gemacht. Jahrelang hat wohl außer den Angehörigen niemand auf die Grabmalkunst auf dem Andres-Grabfeld geachtet. Vielleicht gelinge es ja, diesen Teil des Friedhofs so herzurichten, dass man gern dort mit interessierten Besuchern hingehen möchte, formuliert Jochen Barth vorsichtig eine Zukunftsvision.

Marmorgruppe auf einem Andres-Grab: Das Kunstwerk blieb bis auf Details weitgehend heil und steht jetzt wieder.
Marmorgruppe auf einem Andres-Grab: Das Kunstwerk blieb bis auf Details weitgehend heil und steht jetzt wieder.
Foto: Armin Seibert

Alte Kunstwerke wenigstens sichern

Sorgfältig verklebt und mit Edelstahl verdübelt ist das Grabmal, das ein umstürzender Baumriese zerschlagen hatte. Bildhauer Jochen Barth (von links) und seine Mitarbeiter Haseneier, Alexander Tschergisov und Andreas Hetzel (nicht im Bild) haben tagelang gepuzzelt, bis alles wieder zusammen war.
Sorgfältig verklebt und mit Edelstahl verdübelt ist das Grabmal, das ein umstürzender Baumriese zerschlagen hatte. Bildhauer Jochen Barth (von links) und seine Mitarbeiter Haseneier, Alexander Tschergisov und Andreas Hetzel (nicht im Bild) haben tagelang gepuzzelt, bis alles wieder zusammen war.

Natürlich kostet das alles Geld, weiß er. Aber wenn die unwiederbringlichen Kunstwerke, wie zum Beispiel der unter einem hohen Baum vergammelnde Hochwasserengel, einmal so schwer beschädigt sind, dass sie niemand mehr restaurieren kann, dann tut es am Ende allen leid. Barth nennt eine Möglichkeit, wie man vorgehen könnte. Im benachbarten Bundenbach hat sich eine interessierte Gruppe von Heimatfreunden zusammengefunden und die Sicherung eines jahrhundertealten Wegekreuzes finanziert. Jetzt ist es immerhin nicht mehr Wind und Wetter ausgesetzt.

Barth ist sich ganz sicher: „So ein Kreuz gibt es in der ganzen Region nicht mehr.“ Auch die Kirner Grabfelder gehören dazu. Zwölf Grabmale der Cauers, die über Jahrzehnte und in verschiedenen Stilrichtungen entstanden. Die Restaurierung kostet viel Geld, aber ein Anfang ist gemacht. Dabei wurden auch Steine sorgsam gereinigt, loser Putz und Sandstein vorsichtig abgeschlagen und mit Restaurationsmörtel neu aufgebaut. Sicherlich wird sich mancher Kirner, der vor dem Sturmchaos kaum Interesse an manchen Ecken des Friedhofs hatte, jetzt genauer hinschauen.

Auffällig ist auch, dass auf dem Friedhof so mancher alte Baum weichen musste. Auf den ersten Blick wirken die Baumstümpfe gesund, doch die Baumdoktoren mussten den ein oder anderen Riesen aufgeben. Der nächste Wintersturm kommt bestimmt. Und wie es aussieht, bleiben die Familien, die, erst mal auf ihrem Schaden sitzen. Die Gutachter und Versicherung streiten noch. Nichts Neues, heißt es aus der Verwaltung.